Hot stuff: BdKom veröffentlicht Kompendium zu gendersensibler Sprache

Wenn der größte Verband der Branche, der Bundesverband der Kommunikatoren, ein 54 Seiten starkes Kompendium zur gendergerechten Sprache veröffentlicht, dann hat das letzte Stündlein für ewiggestrige Sprachwandelverweigernde geschlagen. Der Leitfaden hat das Zeug zum Standardwerk.


Auf 54 Seiten werden linguistische Grundbegriffe und Hintergründe erläutert, sämtliche Formen der gendergerechten Sprache mitsamt ihrer Vor- und Nachteile vorgestellt sowie Perspektiven besonders betroffener Gruppen zugelassen. Wir erfahren, warum das generische Maskulinum eine Erfindung des 20. Jahrhunderts ist (und die Sprache der Menschen aus den vorigen Jahrhunderten eigentlich schon viel weiter war), was das reformierte Personenstandsgesetz mit der Notwendigkeit, alle Geschlechter in der Sprache abzubilden zu tun hat und und das ist besonders positiv hervorzuheben welche Formen queere und sehbehinderte Menschen eigentlich bevorzugen. Dazu lässt der Verband diese selbst zu Wort kommen. Wie wir wissen, ist diese Praxis nicht unbedingt selbstverständlich.


Gendergerechte Sprache als Spannungsfeld


Gabriel_Nox König vom Bunderverband Trans* erläutert, dass in der LGBTIQ-Community vor allem der Gendergap, also der Unterstrich, sowie das Gendersternchen weit verbreitet sind. Denn im Gegensatz zu zweigeschlechtlichen Formen (“Kommunikatoren und Kommunikatorinnen”) schaffen sie bewusst Raum für Geschlechtervielfalt - in der gesprochenen Sprache markiert durch die kurze Pause beim Sprechen. Zu der Frage, welche Formen sich besonders für sehbehinderte Menschen eignen, sagt der blinde Accessibility Consultant Domingos de Oliveira: “Gendergerechte Sprache ist aus Sicht der Barrierefreiheit in mehrfacher Hinsicht problematisch: Für leseunerfahrene Personen ist es schwierig, wenn ungewohnte Zeichen mitten im Wort auftauchen.” Sehbehinderte Menschen lassen sich ihre Texte von Screenreadern und anderen Programmen vorlesen. Und auch wenn in den sozialen Netzwerken jüngst eine Diskussion darüber entbrannte, dass sich der Doppelpunkt (den auch wir momentan verwenden, da er sich für uns am harmonischsten ins Bild fügt) noch schlechter eigne als das Gendersternchen, sind beide Formen für dieses Medium einfach nicht optimal. De Oliveira empfiehlt daher, auf neutrale Formen auszuweichen, sofern das möglich sei. Doch ihr seht: Wo bleibt da die bewusste Markierung der Geschlechterdiversität? Um es mit den Worten von Theodor Fontane (der heutzutage als Vertreter des Realismus sicher ein großes Interesse an wirklichkeitsgetreuer Sprache hätte) zu sagen: Es ist ein weites Feld.


Sprache als Motor der Gleichberechtigung?


Aber das sollte uns nicht daran hindern, dieses weite Feld zu erschließen und nach Lösungen zu suchen. Dabei macht der BdKom in seiner Einleitung auch keinen Hehl daraus, dass man sich auch innerhalb des Verbandes nicht unbedingt einig ist, wie und ob gendersensible Sprache zu einer gleichberechtigteren Gesellschaft beiträgt. Umso wichtiger das Eingeständnis, dass es zumindest ein Thema ist, an dem man in 2020 nicht vorbei kommt und das eine Heranführung braucht. Mein Lieblingszitat steht übrigens auf Seite 40 und stammt von Autor Till Raether der 2019 in der Süddeutschen auf die Petition “Schluss mit dem Gender-Unfug!” des Vereins für deutsche Sprache wie folgt reagierte:

“Die Unterzeichner*innen von Sprach-Stillstands-Petitionen fürchten sich buchstäblich vor dem Unfug: also davor, dass die Dinge aus den Fugen geraten. Sie fürchten sich davor, dass Menschen sich nicht mehr fügen, zum Beispiel darin, nicht genannt und nicht angesprochen zu werden. Sie fürchten sich davor, dass nicht nur die Sprache, sondern die Welt aus den Fugen gerät: ihre vertraute Welt, in der alles an seinem Ort ist. In der immer die oben sind, die immer schon oben waren, und die draußen, die immer schon unten waren. Von diesem Unfug kann es daher gern mehr geben.”

Dem ist gar nicht mehr viel hinzuzufügen, außer: das Kompendium des Bdkom führt praxisbezogen und verständlich an das weite Feld der gendergerechten Sprache heran und schafft Platz für in diesem Kontext besonders wichtige Perspektiven. Ein Must-Read für die ganze Branche.


Hier gehts zum Kompendium.


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