Lambrecht gendert, Seehofer fühlt sich nicht mitgemeint

Während wir noch über die Lesefreundlichkeit des Gendersternchens streiten, geht Bundesjustizministerin Christine Lambrecht einen Schritt weiter und verfasst einen kompletten Gesetzesentwurf im generischen Femininum. Das gefällt Innenministerin Horst Seehofer gar nicht.



Man könnte meinen, Innenminister Horst Seehofer habe angesichts eines aufflammenden Rechtsextremismus und einem massiven Rassismusproblem innerhalb der Polizei genug Brandherde, an denen es Feuer zu löschen gilt. Dennoch scheint am Ende des Tages noch Zeit, um Widerspruch gegen einen Gesetzesentwurf einzulegen, der weder jemandes Würde in Frage stellt noch irgendein Menschenrecht angreift – sondern einfach nur Frauen mitdenkt.


Zum Hintergrund: Aus dem Justizministerium unter der Leitung von Christine Lambrecht (SPD) kommt in diesen Tagen ein Entwurf zum Sanierungs- und Insolvenzrecht. Es geht um recht unspektakuläre Dinge wie Firmenpleiten. Warum ruft das nun das Innenministerium auf den Plan? Nun, statt den Gesetzestext wie üblich im generischen Maskulinum zu verfassen, drehen Lambrechts Mitarbeiter:innen den Spieß um – und greifen zum generischen Femininum. Aus „Gläubigern“ werden „Gläubigerinnen“, der „Schuldner“ wird zur „Schuldnerin“ – und das auf 247 Seiten. Ein Affront!


Gegenüber der Bild-Zeitung äußert sich das Innenministerium nun wie folgt: „Während das generische Maskulinum Frauen miteinschließt, ist ein generisches Femininum [...] im vorliegenden Zusammenhang nicht anerkannt. Die Richtigkeit der Sprache muss insbesondere bei Gesetzestexten, auch im Hinblick auf die Rechtsförmlichkeit, gewährleistet sein." Wenn wir Sprache nun also als etwas in seiner Form festes, etwas – im wahrsten Sinne des Wortes – Gesetztes sehen, das entweder richtig oder falsch sein kann, ja dann muss der Entwurf aus dem Justizministerium ein Angriff auf solch ein Sprachverständnis sein. Ein Angriff auf eine Gesellschaft, die nicht zu akzeptieren scheint, dass auch die Sprache sich konstant weiterentwickelt.


Wenn Lambrecht einen derart tollkühnen Entwurf absegnet und veröffentlicht, zeigt sie damit nicht nur ihren eigenen Mitarbeiterinnen: Ich sehe und schätze Sie. Nein, sie geht noch weiter und bringt den längst überfälligen Abschied an ein sprachliches Relikt ganz nach oben – auf die Ebene, deren Pfeiler unser aller Leben und Wirklichkeit bestimmen – das Recht. Sollte der Entwurf die angekündigt Prüfung überstehen und den Weg ins Kabinett finden, bliebe die Signalwirkung nicht aus. Und während Ewiggestrige fleißig damit beschäftigt wären, den Tod der deutschen Sprache heraufzubeschwören, würden Frauen in der darauffolgenden Berichterstattung endlich nicht mehr nur mitgemeint – sondern mitgedacht.


In der Bundespressekonferenz verleiht das Innenministerium seinem Widerspruch derweil noch einmal Nachdruck: Das generische Femininum sei von Sprachwissenschaftlern nicht anerkannt. Dann vielleicht ja von Sprachwissenschaftlerinnen?

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