Machen ist wie Purpose definieren, nur krasser

Wisst ihr noch, wie die Welt plötzlich eine andere wurde, weil Unternehmen ihren Purpose gesucht und gefunden haben? Ich auch nicht. Liegt vielleicht daran, dass aus dieser vermeintlich gutgemeinten Sinn-Suche nicht großartig viele Handlungen entstanden sind. Wie wär's also damit, einfach mal zu machen, statt nur zu schnacken?



Austin Chaun // Unsplash


Die eine oder andere Person mag sich noch daran erinnern, dass 2019 das Jahr der Purpose-Findung war. Alle waren plötzlich auf der Suche nach dem tieferen Sinn. Dem tieferen Sinn des Produkts, der Arbeit, des Unternehmens. The Golden Circle war hoch im Kurs. Ebenso OKR. Fast schon zwanghaft fingen allen an, sich in Brainstorming-Sessions und Sprint-Einheiten daran zu machen, irgendetwas zu definieren, dass ihrer Arbeit diesen sogenannten Purpose verleiht. Gefühlt war es auch völlig egal, ob es sich dabei um ein Rüstungsunternehmen gehandelt hat oder um irgendeine Ökobutze. Ich will gar nicht wissen, wie viele House-Stunden bei dieser verzweifelten Sinn-Suche aufgelaufen sind und wie viele Keynotes mit hübschen Absichtserklärungen in den Tiefen der Cloud imaginären Staub ansetzen. Man wollte schließlich beweisen, dass man das, was man tut, nicht einfach nur macht, um Geld zu verdienen. Außerdem hat’s bei Google und Apple ja auch so gut geklappt.

Hat es denn geklappt? I doubt it. Ein Jahr später, ist die Wirtschafts-Welt noch immer dieselbe. Zumindest vom Prinzip her. An der Art und Weise des Arbeitens und des Wirtschaftens hat sich nämlich denkbar wenig geändert. Surprise! Denn was Viele einfach ausgeblendet haben, ist die Tatsache, dass man sie an ihren Taten und nicht an ihren Worten messen wird.

Wie wäre es also damit, auf schöne Worte ein bisschen Action folgen zu lassen? Wirklich etwas zu tun und eine echte Veränderung herbeizuführen? Ist das so schwer? Ich glaube nicht. Ja, Veränderung bedeutet aus der Ecke kommen, mal was anders zu machen, als all die Jahre davor, sich wirklich mal damit auseinanderzusetzen, welchen Stellenwert man als Unternehmen, aber auch als Individuum in unserem gesellschaftlichen Konstrukt einnimmt und entsprechend zu agieren. Sich darüber bewusst zu werden, dass auch ein kleiner Schritt, eine kleine Handlung einen großen Unterschied machen kann.


Ich bin privilegiert. Diese Position nicht zu nutzen, halte ich für falsch.

Ich kann zum Beispiel PR. Ich würde sogar behaupten, dass ich das ganz gut kann. Und dennoch laufe auch ich immer wieder in die Standard-Falle. Standard deshalb, weil auch ich häufig in ausgelaufene Pfade trete. Manchmal geht es nicht anders, manchmal habe ich keine Kraft, manchmal übersehe ich die Falle. But let’s be honest: Das ist menschlich. Was ich aber für unmenschlich halte, ist Inaktivität bei offensichtlichen Ungerechtigkeiten bei gleichzeitigem Profit von eben diesen Ungerechtigkeiten. Ich bin unglaublich privilegiert. Diese Position nicht zu nutzen, halte ich für falsch.

Deshalb versuche ich da, wo ich kann, eine neue Kultur zu etablieren. In meiner täglichen Arbeit bedeutet das ganz konkret eine Anpassung meine Sprache an die gesellschaftliche Realität: Aus Mitarbeitern werden Mitarbeiter:innen, aus Nutzern werden Nutzende. Ja, ich gendere meine Texte und meine Mails und auch im Gespräch mit meinen Kolleg:innen versuche ich möglichst diskriminierungsfrei zu sprechen. Es bedeutet aber noch mehr als das. Denn in meiner Funktion als PR-Beraterin für kleine, mittlere und große Unternehmen, bin ich regelmäßig in der Position Personen in der Öffentlichkeit zu platzieren. Für Gastbeiträge, Statements oder Interviews. Also frage ich bei meinen Kund:innen aktiv nach Frauen, nach BIPoCs oder anderen Vertreter:innen marginalisierter Gruppen. Ich versuche aktiv, ein diverseres und realeres Bild zu transportieren und folge damit nicht nur meinem feministischen Anspruch sondern nehme auch meine Beratungsfunktion gezielt wahr. Denn welches Unternehmen kann es sich heute noch leisten, mehr als die Hälfte der Bevölkerung aus der Kommunikation auszuschließen? Wer kann sich all das vergeudete Potenzial leisten, das dort auf der Strecke bleibt, weil die Menschen sich mit der Brand nicht identifizieren können?


Um ans Ziel zu kommen, ist jeder scheinbar kleine Schritt notwendig.

Was einfach klingt, gelingt wie schon gesagt nicht immer, aber immer öfter. Jeder Anlauf, einen gegenderten Text durch die Freigabe zu bekommen, jede Frage nach einer anderen Spokesperson sensibilisiert für dieses Thema. Jeder einzelne Schritt ist wichtig, um da zu landen, wo wir schon längst sein sollten: In einer gleichberechtigten Gesellschaft, mit gleichen Rechten und gleichen Pflichten und vor allem gleichen Chancen. Wenn ihr also noch immer auf der Suche nach einem Purpose seid oder auf der Suche nach dem nächsten großen Ding, das diesmal nicht einfach in der Schublade liegen bleibt, dann macht doch mal in Diversität. Eure Kund:innen werden es euch danken, so wie die Mehrheit der Gesellschaft.

51 Ansichten

|

​© 2020 comms for equality