Wie exklusiv ist Clubhouse?

Clubhouse ist so exklusiv, dass nur auserwählte iPhone-Besitzer*innen und hörende Menschen sie nutzen können. Auf welche Kritik die neue Audio-App nun reagieren muss und welche Chancen sie trotz alledem bietet.

Wer sich am vergangenen Wochenende eine wohlverdiente Auszeit vom Social-Media-Wahnsinn gegönnt hat, wird am Montagmorgen nicht schlecht gestaunt haben, als überall plötzlich von “Clubhouse” die Rede war. Fast über Nacht hat die neue Audio-App ihren Weg in den Mainstream gefunden, Professionals auf Twitter und Instagram haben maßgeblich dazu beigetragen. Bei dem Versuch, Clubhouse zu erklären, stoßen wir auch schon auf die Probleme und die berechtigte Kritik, die ihren kometenhaften Aufstieg von Tag 1 begleitet. Clubhouse ist im Grunde ein Live-Podcast-Format, Leute treffen sich in virtuellen Räumen zu Talks aller Art. Wer einem Talk beiwohnt, kann den Moderator*innen des Talks via Handzeichen signalisieren, dass er*sie auch etwas zum Thema beizutragen hat und so Teil der Diskussion werden.


Anders als bei Facebook und Instagram lässt sich das eigene Profil nicht in wenigen Minuten anlegen, man benötigt einen Invite eines bereits angemeldeten (und zuvor eingeladenen) Users. Wer keine Einladung hat, muss sich auf eine Warteliste setzen lassen. Eine weitere Zugangsvoraussetzung: Die App ist bislang nur iPhone-User*innen vorbehalten, wer ein Android-Handy nutzt, muss draußen bleiben. Als wären diese zwei Hürden nicht schon genug der Exklusivität, hat die App mindestens ein weiteres Problem: Gehörlose Menschen sind von ihr komplett ausgeschlossen. Anders als in etwa bei größeren Podcasts, werden keine Transkripte der Talks angeboten.

„Für Gehörlose absolut barriere-unumgänglich"

Katrin Maag ist gehörlos und setzt sich u.a. auf Instagram unter ihrem Handle wayofkat gegen Ableismus und für bessere Zugänge ein. Immer wieder betont sie dort zum Beispiel wie wichtig Untertitel in Instagram Stories sind. Nicht nur für alle, die gerade in der Bahn sitzen und keine Kopfhörer zur Hand haben, sondern vor allem für Menschen, deren Gehör beeinträcht ist – dem Deutschen Schwerhörigenverband zufolge sind das 16 Millionen Menschen nur in Deutschland. Diese Menschen würden von Anfang an komplett ausgeschlossen, schreibt sie auf Twitter. Ihr Fazit: Diese App ist wirklich komplett barriere-unumgänglich für Gehörlose. Und dann werden Gehörlose Menschen noch nicht mal in diese Gespräche eingebunden. Ich bin gerade in einem Talk namens "Kritik an Clubhouse oder allgemeine Frustration der Menschen?" mit mehreren Hundert Zuhörer*innen und da werden gerade lauter problematische Dinge gesagt, auf die man weder in der App antworten, noch irgendwie aufnehmen oder später eingehen kann. “


Mindestens genauso schnell wie die Kritik an Clubhouse, hagelt es auch Häme, für die, die sie äußern. Audio schließe per se Menschen mit Hörbeeinträchtigung aus heißt es da. Und es gebe ja schon genug visuelle Apps wie Instagram und Twitter. Man solle der App Zeit geben, sich zu entwickeln und erst mal abwarten. Fakt ist: Die technischen Voraussetzungen für eine Transkription wären vermutlich im Nu umgesetzt. Daran sollte es nicht scheitern. Aber was sagt uns das eigentlich über unser Verständnis von Inklusion, wenn in 2021 Apps gelauncht werden, die barrierefreie Zugänge nicht zu einem Ziel gemacht haben? Sind wir vielleicht gar nicht so weit, wie wir alle denken?

Weitere Enthemmung durch Mündlichkeit?

Weiterhin problematisch bleiben der Zugang für iPhone-Besitzer*innen (iPhones sind in der Regel wesentlich teurer als Android-Telefone, es sei denn man erwirbt ältere oder gebrauchte Modelle) sowie Raum (im wahrsten Sinne des Wortes), der dafür genutzt werden kann, Rassismus, Sexismus oder Queerfeindlichkeit unmoderiert zu verbreiten und damit auf einem Niveau mit Messenger-Diensten wie Telegram zu stranden. Und welche Rolle spielt die Art der Kommunikation, falls dies geschieht? Trägt die lockere Mündlichkeit zu einer weiteren Enthemmung bei oder wirkt sie der vermeintlichen Anonymität in schriftlichen Chats entgegen? Wird Clubhouse zu einem Sammelbecken moderierten Hasses oder bleibt es eine neue Möglichkeit für Young Professionals, die sich zu bestimmten Themen informieren wollen?

Trotz aller berechtigter Kritik, der sich die Macher*innen hoffentlich schnell annehmen, finden wir das Format spannend, denn es bietet die Möglichkeit, sich weiter zu vernetzen, das eigene Profil zu schärfen, sich Wissen anzueignen und sichtbarer zu werden. Es kann, sofern die Barrieren beseitigt werden, ein relativ niedrigschwelliger Zugang sein, Kund*innen oder sich selbst in den jeweiligen Fachgebieten zu platzieren.


Der Hype um Clubhouse ist berechtigt, nicht zuletzt, weil es uns suggeriert, was uns seit nun fast einem Jahr fehlt: Interessante Gespräche auf Parties, denen wir beiwohnen, an denen wir uns beteiligen oder denen wir auch einfach nur zuhören können. Wenn wir es denn können.


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